WORTE WIRKEN: Tantra

Stoff, Tod

Mein letzter Rundbrief war sehr persönlich. Ganz herzlichen Dank für die viele private Post.

Das Wort Ehre begleitet mich in vielerlei Hinsicht schon Jahre.

Wie tief Ehre geht, können wir erkennen, wenn wir dem Gegenteil nachspüren: Entehren.

Ist es nicht die tiefste Entehrung, wenn einem Menschen das Recht am eigenen Körper genommen wird?

Die Ehre der Familie soll erhalten bleiben, dadurch dass die Frau ihr Recht am eigenen Körper verliert, also selbst entehrt wird.

Diese Dynamik ist ein Zellkern des Patriarchats.

Wir Frauen haben diesen Teufelskreis im Lauf der Jahrhunderte aufgesogen, wir haben ihn für uns angenommen, als wärs ein Teil von uns:

–          Mit unserer Körperscham

–          Mit unserer Sexualscham

–          Mit unserer Scham, uns zu entfalten

In diesem Zusammenhang will ich heute zu einem sehr korrumpierten Wort kommen:

Tantra

Ich habe zwanzig Jahre lang zusammen mit vielen Frauen als Tantramasseurin gearbeitet.

Zu Beginn antwortete ich in Situationen, wo der Beruf abgefragt wird, stolz und frisch und reichlich naiv: Ich bin Tantramasseurin.

Die darauffolgenden Reaktionen waren mehr oder weniger entehrend.

Später suchte ich ausweichende Begriffe, da ich es leid war.

Dabei wollten mit unserem Tun etwas Entehrtem wieder Ehre und Würde geben.

Unser Körper, unsere Sinnlichkeit aber auch unsere Spiritualität wurden im Laufe der Jahrhunderte entehrt.

Nicht nur der Frauenkörper, auch die männliche Sexualität verlor ihre Würde.

Doch was ist Tantra überhaupt?

Das kleine Wörtchen Tantra ist ein Samenkorn aus einer anderen Zeit.

Es kommt aus vorpatriarchalen Zeiten, in denen Spiritualität und Sexualität noch zusammengehörten wie Eiweiß und Dotter.

Erst durch das Auseinanderreißen von Religion und Eros verliert beides seine Herkunft aus dem Göttlichen, also seine Würde und Ehre.

Tantra heißt übersetzt das Netz.

In drei Gedanken lässt sich diese Bedeutung aufschlüsseln:

Erstens ist das Netz ein uraltes Symbol für männlich-weibliche Balance.

Der Kettfaden symbolisiert das Weibliche, das Gegebene, das Haltende.

Der Schussfaden symbolisiert das Männliche, den männlichen Samenfunken. 

Nur in der Balance von männlicher und weiblicher Kraft kann die Schöpfung bestehen. Diese beiden unterschiedlichen Pole geben die nötige Energie wie plus und minus einer Batterie. (Rundbrief Der Stoff aus dem das Leben ist) 

Zweitens ist das Netz auch ein Tod-Leben-Symbol:

Die Toten wurden vielerorts in gewebte Tücher gewickelt. Die Tücher hatten keinen Saum, damit die „Große Weberin“ daran weiterweben konnte.

Das ist ein Zeichen für Ewiges Leben und fortdauernde Wiedergeburt.

Drittens gibt es im Deutschen das schöne Wörtchen „benetzen“, welches mit Wasser zu tun hat.

Wasser verbindet in Netzen von Flussläufen die ganze Welt.

Wasser steigt auf und fällt als Regen wieder herab.

So ist es ein Bild für die vertikale Verbundenheit. Ein Symbol also, dass wir Menschen mit dem Göttlichen verbunden sind. 

Tantra ist also dreifach das Zeichen von Verbundenheit: 

  • im Bild des Gewebes: das Miteinander von Weiblichem und Männlichem, der Sexualität.
  • das Tod-Leben-Prinzip, das ewige Stirb und Werde.
  • im Bild des Wassers: die Zusammengehörigkeit zwischen Menschlichem und Göttlichem, dem So-oben-so-unten.

Letztlich heißt Tantra: alles gehört zusammen.

 

Möge in diesem Sinn der tantrische Geist Sie am Wochenende sanft umgeben.
Ihre Lea Söhner

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