Zoff im Rosengarten

Vagina-Dialoge

Was uns ein mittelalterlicher Fund über die Ganzwerdung der Frau erzählt

Manchmal stößt die Forschung auf Texte, die wie ein Riss im historischen Weltbild wirken. So ein Text ist der „Rosendorn“: eine mittelalterliche Geschichte, in der eine Vulva spricht, sich von ihrer Besitzerin trennt und auf Reisen geht.

Ein Stoff, so derb wie heutig, so komisch wie tief, ist erstaunlich feministisch.

Und all das im Jahr 1300, mitten in einer Kultur, die wir sonst mit keuscher Minne, höfischer Verklärung und strengem Reinheitsideal verbinden. Doch dieser Fund zeigt: Die weibliche Sexualität hatte schon damals eine Stimme. Eine lautere, als wir dachten.

Die Geschichte beginnt im Rosengarten einer Jungfrau. Eine junge Frau, fromm, keusch, unberührt, lebt zurückgezogen und ahnt nicht, dass in ihrem Schoß ein Aufstand gärt. Ihre Vulva, im Text „Fud“ genannt, beginnt plötzlich zu sprechen – ausgelöst durch eine „Wurz“, ein Kraut, das ihr in den Mund gesteckt wird. Was genau dieses Kraut ist, bleibt offen: eine Wurzel, ein magisches Gewächs oder ein erotisches Symbol. Aber es belebt die Fud – und mit der Beseelung kommt der Protest.

Die Fud beschwert sich. Sie sei missachtet. Die Jungfrau achte zu sehr auf ihre Schönheit, ihre Tugend, ihren tadellosen Ruf – doch nicht auf sie, die eigentliche Quelle der Lust und des Begehrens. Die junge Frau ist empört. Sie, so beteuert sie, sei begehrt wegen ihrer Anmut, nicht wegen dieses „Schandteils“. Die Fud kontert, der Streit eskaliert – und im Zorn trennen sich die beiden.

Von nun an gehen sie getrennte Wege. Die Jungfrau, attraktiv wie eh und je, wird prompt von einem Verehrer verspottet: Als „fudlose Frau“ sei sie für ihn wertlos. Die Fud ihrerseits begibt sich allein auf Wanderschaft, wird jedoch von den Männern, denen sie begegnet, getreten, beschimpft und manchmal sogar mit einer Kröte verwechselt. Ohne den Schutz ihrer Frau ist sie wehrlos, reduziert auf ein bloßes Objekt. Beide Seiten merken schnell: Allein sind sie unvollständig. Und so kehrt die Fud zurück. Die Versöhnung ist rührend und grotesk zugleich, denn die Jungfrau bittet den Dichter persönlich, ihre Vulva wieder „anzunageln“ – und in der Männerwelt zu verkünden, dass sie nun wieder vollständig sei.

Dass diese Geschichte existiert, wäre schon überraschend genug. Doch der Fund, den eine Forscherin 2019 machte, ist eine kleine Sensation. Ein Fragment derselben Erzählung, gefunden ausgerechnet in der Stiftsbibliothek Melk, eingearbeitet als Buchrücken eines anderen Bandes, erwies sich als gut 200 Jahre älter als alle bisherigen Versionen. Um 1300, nicht um 1500, ist diese derbe, offene, sexualisierte Geschichte entstanden. Das widerspricht dem bisherigen Bild des Hochmittelalters. Dort, so glaubte man, herrschte ein Sprachkodex, in dem Erotik nur verschlüsselt oder allegorisch zur Sprache kam. Doch das Fragment zwingt die Mediävistik, ihre Vorstellungen zu korrigieren. Offenbar wurde im mittelalterlichen Alltag viel direkter, humorvoller und körperlicher gedacht, als die höfische Literatur es aussehen lässt.

Doch jenseits dieser historischen Dimension stellt sich eine andere Frage: Warum berührt uns diese Geschichte heute noch? Was sagt sie über Frauenleben – damals und in der Gegenwart?

Der Rosengarten, in dem die Jungfrau lebt, ist ein vertrautes Symbol. Ein umfriedeter Ort, schön, rein, abgeschieden – und oft auch ein Bild für weibliche Sexualität, die gehütet, geschützt, manchmal auch eingesperrt wird. Die Wurz könnte ein Kraut sein. Oder ein Hinweis darauf, dass die Vulva zum ersten Mal gespürt, berührt, als eigene Wesenheit erfahren wird. Erst dadurch bekommt sie eine Stimme. Und sofort entsteht der Konflikt: Ein neuer Teil des Selbst meldet sich – und wird reflexhaft abgelehnt.

Die Fud als sprechendes, reisendes Wesen wirkt komisch, aber zugleich tiefenpsychologisch stimmig. Ein Körperteil, der sich verselbstständigt, steht oft für ein abgespaltenes Bedürfnis. Ein Wesenskern, der ungehört bleibt. Eine Stimme, die zurückgehalten wird. Ihre Reise ist wie ein Lehrstück über das, was geschieht, wenn ein Teil unseres Selbst keinen Platz bekommt: Er flieht. Oder wehrt sich. Oder geht verloren. Und kehrt erst zurück, wenn er wieder eingeladen wird.

Die Parallele zur Gegenwart drängt sich auf. Wo stehen Frauen heute – 700 Jahre nach dieser Geschichte, nach Aufklärung, sexueller Revolution und Feminismus? Frauen über 50 sind häufig die Töchter zweier gegensätzlicher Epochen: erzogen zwischen Scham und Schweigen, erwachsen geworden in einer Zeit, die Freiheit versprach, aber oft neuen Leistungsdruck erzeugte. Viele kennen ihren Körper gut. Viele kennen ihn erstaunlich wenig. Gynäkologinnen berichten, wie verbreitet es ist, dass Frauen ihre Vulva nie wirklich angesehen haben. Noch weniger sprechen sie mit ihr – im übertragenen Sinne.

In diesem Licht erscheint der mittelalterliche Text verblüffend modern. Er zeigt, wie früh Frauenkörper zum Objekt gemacht wurden – und wie sehr sie zugleich darum ringen mussten, sich selbst zu gehören. Er zeigt auch, wie lächerlich der Gedanke ist, dass eine Frau vollständig sein kann, ohne den Teil ihres Körpers zu anerkennen, der Lust, Geburt, Verletzlichkeit und Kraft vereint. Die Geschichte ist ein Humorstück, gewiss. Aber sie ist auch ein Lehrstück über Ganzwerdung: über die Integration eines Teils, der häufig beschämt, überhöht, genutzt oder ignoriert wurde.

Vielleicht ist diese alte Fud, die empört davonläuft, ein Spiegel. Vielleicht erinnert sie uns daran, dass jede Frau einen inneren Teil hat, der gesehen werden möchte – nicht nur als Funktion, nicht nur als Objekt, sondern als Stimme. Und vielleicht ist es an der Zeit, dieser Stimme wieder zuzuhören.

Nicht, indem wir sie annageln wie im Mittelalter. Sondern indem wir uns mit ihr verbinden. In Achtsamkeit, in Neugier, vielleicht sogar in Zärtlichkeit. Denn es könnte gut sein, dass die größte Versöhnung nicht im Rosengarten stattfindet, sondern im eigenen Bewusstsein.

Es handele sich um eine wahre Begebenheit, schreibt der mittelalterliche Erzähler um das Jahr 1300. Das Ganze will er selbst erlebt und selbst gehört haben … 

6 Kommentare

  1. Monika Kochs 13. Juli 2024 at 11:10 - Antwort

    Liebe Lea,
    wertvoll finde ich deine Forschung in heutiger sogenannt aufgeklärter Zeit. Den immer noch als brisant, gleichzeitig pikant empfundenen Blick auf die Vulva. Es war und ist ein privat und gesellschaftlich aufrührendes Thema.
    Danke für deine klaren Worte.
    Herzlichst
    Monika Kochs, Dakinimassagen

  2. Claudia Bitter 13. Juli 2024 at 11:34 - Antwort

    Liebe Lea,
    was ist das ein spannender Text.
    Für mich, wie alle „alten“ Texte eigentlich nur auf symbolischer Ebene zu verstehen.
    Das Verlassen ein „inneres“, das sich im Außen dann als Mißachtung zeigt. Das „Zurückkommen“ als Bewusstwerdung und Integration.
    Die Menschen damals waren einfach mit einem anderen „Verständnis“ im Leben unterwegs und leider werden dadurch so viele wertvolle Texte „wörtlich“ genommen und damit mehr als verfälscht und leider auch missbraucht.
    Danke fürs Teilen.
    Herzlich Claudia

  3. Dorothea 13. Juli 2024 at 12:47 - Antwort

    Wie interessant.
    Was für Fragen da alles auch in mir auftauchen; Fragen über die es sich sehr lohnt nachzudenken und nach Antworten zu suchen.
    Fragen und Antworten zum eigenen Leben und zur Geschichte der Generationen vor mir, die ja mein Sein und mein Leben geprägt haben und ich habe Teil am Grundstock der Generationen nach mir.
    Wieviel Offenheit und Ehrlichkeit ich mir doch tief in meinem Inneren wünsche.

  4. Karin von Dellemann 13. Juli 2024 at 14:30 - Antwort

    Ich kann mich den Vorschreiberinnen nur traurig anschliessen. Vor vielen Generationen, Jahrtausenden wurde die Fud angebetet, vergöttlicht. Die Lust mit und am Leben gelebt. Davon zeugen in allen Teilen der Welt sehr viele Artefaxe. Und überall wurde diese Lebenslust ausgemerzt. Übrig blieb und bleibt eine Sexualität, die nichts mit Sex zu tun hat. Aber das Bewusstsein hat sich doch vielerorts geändert. Step by step….
    Grüßle, Karin

  5. Dietmar Kühne 13. Juli 2024 at 21:45 - Antwort

    Mittelalterlicher und viele Jahrhunderte langer Stress im Ehebett:
    Was muss primogenitur und lex salica den für die „Produktion“ der Erbnachfolge verantwortlichen Frauen der Fürstenhäuser in aller Welt Liebesschmerz verursacht haben: Das Ergebnis ist in der Geschichte meiner Heimatstadt Burghausen an der Salzach nachzuerleben: Das höfische Leben auf der berühmten längsten Burg und die niederbayrische Linie der Wittelsbacher erlosch mit dem Tod der Herzogin Hedwig ohne lebenden männlichen Erbnachfolger und Ihres Ehemanns Georg dem Reichen ein Jahr später(!) 1502 und 1503 ( beide nur 2 Jahre Altersunterschied!)- in Folge endlich mal wieder ein Grund für einen „gscheiden“ Erbfolgekrieg. Die Habsburger hatten mit der Erbnachfolge immer ein „geschickteres Händchen“ und stellten somit meistens die Kaiser im Heiligen römischen Reich dt. Nation…. und „wanns net anders ausgeht“ auch Kaiserin (pragmatische Sanktion 1713)- Kaiserin Maria Theresia hatte als einen Ihrer wichtigsten Berater den Abt von Kloster Melk, das Sie natürlich nicht säkularisierte wie auch weitere wichtige klösterliche think tanks im Habsburgischen Reich…
    Kurz zusammengefasst: Fundamentale Befindlichkeiten des Menschen insbesondere der Frauen finden bis heute nur selten auf die Vorderseite
    der akademischen Geschichtsschreibung.
    Danke liebe Lea Söhner für die Impulse!

  6. Nhanga 17. Juli 2024 at 11:37 - Antwort

    Liebe Lea, was für ein faszinierender Text! Danke für dein Wissen und eine Recherche! Ich lese deine wirkenden Worte immer wieder so gerne!
    Ein Weg, mit der Yoni Freundschaft zu schließen, ist die wunderbare Yoni-Sadhana.
    28 Tage cremst du dich vor einem Handspiegel ein und schaffst so eine stabile synaptische Verbindung im Gehirn zwischen den Augen, den Händen und der Vulva.
    Das verbessert die Wahrnehmungsfähigkeit und die Verbindung so sehr! Diese 10 Minuten am Tag lohnen sich. Sie können vieles verändern.
    Danke, dass du mir erlaubt hast, für meine Yoni-Sadhana zu werben. Sie ist mir so wichtig!
    http://www.nhanga.de/yoni-sadhana/
    Herzensgrüße von Nhanga

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