Ein kleiner Fund und eine große Frage

Neulich beim Räumen meines Elternhauses.

Erinnerungen an ein ganzes Leben. Fotos von Hochzeiten, Taufen, Geburtstagen. Alte Schulhefte. Später die Briefe von uns Kindern aus England, Südamerika, Indien, Spanien. Die ersten Geburtsanzeigen der Enkelgeneration.

Kurzes Zögern, dann ab in den blauen Müllsack. Ein Schnellhefter fiel mir in die Hände: Physik, 8. Schuljahr.

Ich fand keine einzige Formel – nicht einmal eine vergeigte Klassenarbeit. Stattdessen: von mir abgeschriebene Gedichte. Gedichte gegen den Krieg.

Eines davon war von Jacques Prévert.

Ich hatte inzwischen vergessen, wer das war, und musste googeln:

Der französische Schriftsteller wurde 1901 geboren und starb als Résistancekämpfer im Jahr 1944. In seinem Werk zu stöbern und seine Gedichte zu lesen, fühlt sich an wie ein Déjà-vu.

Besonders hart ging Prévert mit dem ideologischen Einsatz der Religionen ins Gericht – dort, wo der Krieg religiös legitimiert wird.

Es ist ein alter Schmerz. Und er ist nicht vergangen.

Auch die Evangelische Kirche hat 2025 ihre eigenen Positionen verändert und dem kriegerischen Zeitgeist angepasst. Vom „Gerechten Frieden“ spricht die EKD-Friedensdenkschrift nun.

Ein Frieden soll also erst möglich sein, wenn zuvor Gerechtigkeit herrscht. Bis dahin wird weitergekämpft?

Am Ende ist Gerechter Frieden nur ein anderes Wort für Gerechter Krieg. Denn wer entscheidet, was gerecht ist?

Auch Jacques Prévert wusste, dass es keinen guten und keinen schlechten Krieg gibt. Der Krieg kenne keine Sieger, schreibt er, sondern gleiche immer einer „schrecklichen Krankheit“.

Ausdrücklich verweist er auf die wirtschaftlichen Interessen, die den Krieg hervorbringen.

Während in der 8. Klasse an der Tafel Physik gelehrt wurde, schrieb ich ein Gedicht ab, in dem Prévert die faulen Zähne des Redners mit der Heuchelei seiner hohlen Friedensphrasen assoziiert:

 

Staatstragende Schwüre die Statuen der Worte
der Frieden die Freiheit „la fraternité!“
doch plötzlich ein Stutzen ein Stolpern ein Sturz
in den Abgrund einer hohlen Phrase
in den Abgrund eines staunenden Verstehens
der Mund, weit geöffnet, zeigt die kariöse Wahrheit
hinter dem blütenweißen Lächeln
die Fäulnis der polierten Phrasen
der Frieden die Freiheit „la fraternité!“
zerfressen von der Karies des Krieges
dem Kapital.

 

Man liest diese Zeilen und spürt, wie wenig sich verändert hat. Vielleicht erschreckt mich gerade diese zeitlose Klarheit am meisten.

Über meine Physiknoten von damals breiten wir besser den Schleier des Erbarmens.

Ich wünsche ich Ihnen eine lichte Adventswoche!
Ihre
Lea Söhner

PS: Zum Schluss noch dies:

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